Panikattacke
Wo ich wohne, ist viel Wald.
Da gehe ich oft spazieren. Oder radeln. Ich muss mich bewegen. Also quasi täglich.
In dem Wald gibt es eine Leinenpflicht für Hunde, das ganze Jahr über.
Das steht so im Landeswaldgesetz für Mecklenburg-Vorpommern § 29, ganz schlicht: „Das Mitführen von Tieren im Wald ist nicht gestattet. Ausgenommen hiervon sind Hunde, welche angeleint geführt werden müssen.“

Spazierweg ohne Hunde
Aber kaum ein Spaziergang, kein Ausflug, bei dem ich nicht mindestens einen Hund frei rumlaufen sehe. Also auch das quasi täglich.
Warum können oder wollen so viele Menschen sich nicht an diese einfache, klare Regel halten?
Ich bin dann trotzdem immer ganz freundlich und sage höflich: „Bitte, würden Sie den Hund an die Leine nehmen? Das ist im ganzen Bundesland Pflicht.“
Meistens komme ich gar nicht dazu, den zweiten Satz zu Ende zu sprechen. Da werde ich schon angebratzt, wahlweise mit
„Der tut nix.“
„Das stimmt ja gar nicht.“
„Wo steht das?“
„Mein Hund interessiert sich doch gar nicht für Sie.“
„Wer sind Sie überhaupt, dass Sie mir hier Vorschriften machen?!“
Und ausgelacht. Oder beleidigt. Oder beides.
Noch nie habe ich erlebt, dass eineR sagte
„Ach das wusste ich nicht, vielen Dank für den Hinweis,“ – und macht den Hund fest.
Seitdem ich hier im Nordosten lebe, wurde ich schon mehrfach von fremden Hunden angesprungen und angegriffen.
„Neinnein der tut nix.“ So heißen sie alle.
Wahlweise heißen sie auch
„Der will bloß spielen.“
„Huch! Das macht er aber sonst nicht.“
„Also DAS hat er noch NIE gemacht.“
Ich will nicht, dass fremde Hunde ungezogen an mir hochspringen, mich und meine Kleidung schmutzig machen und/oder zerreißen.
Dann bin ich nicht nur verletzt, sondern muss mir obendrein noch schäbige Witze anhören und Beschimpfungen.
Dass mal jemand meine Reinigungskosten oder den Schneider für die Reparatur der kaputten Hose bezahlen wollte, ist noch nicht vorgekommen.
Ist ja klar:
Wenn so ein Dertutnix mich bespringt, dann liegt das natürlich an mir.
Was gehe ich da überhaupt allein im Wald spazieren?!
Eine Frau ist selbst schuld.
Immer.
An allem.
Biblisches Gesetz.
Also habe ich einen Höllenrespekt, sobald mir ein freilaufender Hund entgegenkommt, und bleibe in gebührendem Abstand stehen, bevor ich mein Sprüchlein sage.
(Sofern eine Hunde-Aufsichtsperson in Sichtweite ist. So ein Hund ist ja auch gerne mal allein unterwegs. Artgerechte Haltung und so …)
Es ist schon mehr als einmal passiert, dass HundeFührer ihr Listentier dann erst Recht und mit Absicht in meine Richtung schicken.
Das alles macht mir Angst und triggert meine Panik.
Heute war das wieder so.
Ein älterer Herr im Wald mit Hund ohne Leine.
Auf meine Bitte, das Tier an die Leine zu nehmen, wurde er dreist und renitent und wollte die Polizei rufen.
Andere Spaziergänger (ohne Hund) kamen dazu, was mich der fremde Hund überhaupt anginge, und beleidigten mich ebenfalls; ein bierbauchiger Kleiderschrank kommt bedrohlich auf mich zu, hält mich fest, will mir den Regenschirm aus der Hand reißen, lässt mich nicht gehen. Ich sei ja verrückt und plemplem. Und außerdem laut. Man müsse mich einweisen.
Die Panik in mir wächst, ich werde ebenfalls laut und erfinde neue Schimpfwörter.
Sie sind jetzt in der Übermacht: zu sechst gegen mich einzelne alte schwerbehinderte Frau.
Der Hund ist immer noch ohne Leine und rast laut kläffend auf mich zu, sein Herrchen steht feixend daneben, bedroht mich weiter und ruft, mir gehöre was in den Arsch geschoben.
Ich will hier weg, der sächsische Akzent lässt endlich meinen Schirm los, einer aus der Gruppe hält ihn zurück.
Sie wollen immer noch die Polizei rufen, kommen mir hinterher.
Der nächste Hund ohne Leine kommt aus der Gegenrichtung. Das Besitzerpaar guckt mich arrogant und abschätzig an. Hat den lauten Streit im Näherkommen mitgekriegt.
Ich wage nicht, auch die noch darum zu bitten, ihren Hund an die Leine zu nehmen.
Mein Herz rast.
Ich habe Angst.
Ich mag diese Deutschen nicht, die es für einen Akt der Rebellion halten, Gesetze zu ignorieren und sich daran aufgeilen, andere (vor allem Frauen) zu erschrecken, zu verunsichern, zu schikanieren, zu terrorisieren, zu traumatisieren, aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.
„Wir zahlen ja schließlich Hundesteuer! Und Kurtaxe!! Und überhaupt: Halt einfach die Fresse, Frau, sei still und SEI LIEB!“
In Gedanken zücke ich die imaginäre Kalaschnikoff.
Ich echt habe ich nicht einmal ein Chili-Gel dabei. Niemals.
Das Pfefferspray liegt im Haus in der Schublade. Immer.
Ich nehme es nicht mit, weil hier an der See ständig eine frische Brise weht. Angriffslustige Hunde sowie reaktante HundebesitzerInnen stehen grundsätzlich in der falschen Richtung, gegen den Wind. Ich kenne meine Grenzen. Das Risiko, mich in Panik obendrein auch noch selbst zu verletzen, gehe ich nicht ein.
Statt dessen wünsche ich denen dann ein wildes Wildschwein auf den Leib. Ein SEHR wildes. Von denen haben wir hier genug.
end of rant.
Mein Sonntagsspaziergang war gelaufen.
